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Montag, Juni 24, 2024

Neue Sparrunde geht den Apothekern an die Substanz

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Pharmazeut Matthias Hoffmeister im Gespräch mit MdB Al-Halak – Ein Vorwurf: Gesetzliche Krankenkassen werfen Geld mit vollen Händen hinaus

Grafenau / Neureichenau. „Wir werden auch an der Finanzreform zur Stabilisierung der gesetzlichen Krankenversicherung, wie sie der Bundestag beschlossen hat, nicht zugrunde gehen. Aber während die gesetzlichen Krankenkassen das Geld mit vollen Händen hinauswerfen, müssen wir eine weitere Sparrunde einlegen und das geht jetzt wirklich an die Substanz.“ So beurteilt Matthias Hoffmeister, Inhaber der Dreisessel-Apotheke in Neureichenau und der Arnika-Apotheke in Wegscheid, die Situation seiner Berufskolleginnen und –kollegen nach der neuesten Entscheidung in Berlin, die er als ungerecht bezeichnet. Deshalb suchte er das Gespräch mit dem Bundestagsabgeordneten Muhanad Al-Halak. Seine Bitte: unsere Argumente hören, um zu wissen, was wirklich los ist!

Arzneimittelpreisverordnung, Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz, Apothekenbetriebsord-nung und über allem das Fünfte Buch Sozialgesetzbuch – das ist nur ein Teil der Stichpunkte, die Matthias Hofmeister (42) für MdB Al-Halak aufgelistet hatte. In dem Gespräch packte er die schwierige Situation in Zahlen: Im Jahr 2009 habe es in Niederbayern  329 Apotheken gegeben, 2017 seien es noch 313 gewesen und Mitte 2022 bestünden noch 295. Der Rückgang betreffe vor allem ländliche Regionen und gefährde  die Versorgungssicherheit der Menschen in den dünner besiedelten Gebieten. In Schöfweg im Landkreis Freyung-Grafenau zum Beispiel gibt es seit dem Frühjahr keine Apotheke mehr. Es war trotz intensiver Suche nicht gelungen, eine Nachfolgelösung zu finden, sehr zum Bedauern der Menschen im Ort. „Bei der  Übernahme einer Apotheke hat man mit vielen Widrigkeiten zu kämpfen. Ob es sich rentiert, muss gut überlegt werden“, stellte Matthias Hoffmeister fest, der auch Richter am obersten bayerischen Landesberufsgericht und seit Juli ehrenamtlicher Pharmazierat in Niederbayern ist. Außerdem leitet er zwei Qualitätszirkel für Apotheker und Apothekerinnen in Passau.  Er beschäftigt in Neureichenau und Wegscheid 35 bis 38 Pharmazeuten, pharmazeutisch-technische Assistenten (PTA)und kaufmännische Mitarbeiter; wegen der Corona-Schnelltests kamen noch einmal 20 Kräfte dazu: Krankenschwestern, Arzthelferinnen, Studenten und MitarbeiterInnen aus der Gastronomie. „2021 war das schlimmste Jahr meiner Laufbahn. Es war mit Tausenden von Überstunden und einem enormen Risiko verbunden. Wir haben gut verdient, aber genauso gut war der Staat über die Gewerbesteuer dabei“, berichtete Hoffmeister, der von einer Ausnahmesituation spricht.

Der Pharmazeut aus dem Bayerischen Wald weiß, dass viele Menschen noch immer denken, mit einer Apotheke sei eine Lizenz zum Gelddrucken verbunden. Warum das längst nicht mehr der Fall sei, liege vor allem an dem Missverhältnis zwischen immer neuen Anforderungen und dem Aufwand dafür. So müssten zum Beispiel die Rezepte auf Fälschungen und Verordnungsfehler überprüft werden; die damit verbundenen Dokumentationen kosteten Zeit und Geld, das Herstellen von Rezepturen sei längst nicht mehr kostendeckend.

„In den vergangenen drei Jahren haben wir mit unseren Teams hervorragende Arbeit geleistet und deshalb auf eine Anpassung unseres Honorars gehofft, wenigstens in der Höhe des Inflationsausgleichs“, fasste Matthias Hoffmeister die Erwartungen an die Politik zusammen, die aber leider enttäuscht worden seien: Die Apotheken in Deutschland sollten noch einmal 170 Millionen Euro sparen, um die gesetzlichen Krankenkassen (GKV) zu stabilisieren: „An diesem Punkt endet bei mir jegliches Verständnis!“ Stattdessen türmten sich eine Reihe von Fragen auf: Warum gebe es in Deutschland noch immer 97 gesetzliche Krankenkassen mit 97 Vorstandsriegen, die alle denselben Versorgungsauftrag hätten und die gleichen Leistungen anbieten müssten? „Wenigstens sollen jetzt die horrenden Werbeausgaben in Millionenhöhe beschränkt werden. Das ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung!“, kommentierte Hoffmeister eine  Beschlussempfehlung des Petitionsausschusses von Mitte Oktober 2022 an den Bundestag. Den Anteil der Apotheken an den Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen gab Hoffmeister mit 1,9 Prozent an. „Das ist unser Lohn“, so die nüchterne Feststellung.

MdB Muhanad Al-Halak will diese Fragen nach Berlin tragen und die Argumente eines Betroffenen aus dessen täglicher Praxis weitergeben. „Ich werde mit meinen Kolleginnen und Kollegen im Gesundheitsausschuss reden und die Sorgen und Vorschläge anbringen. Versprechen kann ich nichts, aber ich will mich kümmern“, sagte der Grafenauer Bundestagsabgeordnete am Ende des Gespräches zu. Seine Folgerung: “Sparen ja, aber ohne dabei Existenzen aufs Spiel zu setzen. Die medikamentöse Versorgungssicherheit muss gewährleistet bleiben!“ 

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