Musikalische Weltvermessung am Bauernhof

Die 36. Ausgabe des INNtöne-Jazz-Festival steht vor der Tür (Foto: Schmidt)

36. Inntöne-JazzFestival vom 30. Juli bis 1. August 2021

(von Tobias Schmidt)

Diersbach/. Wie bereits im vergangenen Jahr findet das Jazzfestival INNtöne in seiner nunmehr 36. Ausgabe erneut als pandemiekonforme Freiluft-Veranstaltung statt. Vom 30. Juli bis 1. August werden erneut internationale Jazzmusiker den Buchmannhof von Festivalorganisator und Biolandwirt Paul Zauner in Diersbach beschallen. Das Konzept des Vorjahres hat sich dabei bewährt: Eine überdachte Open Air-Bühne vor sagenhafter Sauwald-Szenerie und hinter der großen Scheune (sonst ist das die, mittlerweile Musikfreunden in halb Europa durch allein 2020 etwa 150 Radiosendungen von INNtöne-Konzerten wohlbekannte Hauptbühne). Davor „Wiesenbestuhlung“ anhand eines nummerierten Sitzplatzrasters, um die Abstände einzuhalten. Auf die regionale Bio-Kulinarik im Hofbereich muss auch nicht verzichtet werden. Dazu noch: eine Kunstausstellung von Alois Jurkowitsch aus Passau, die Nachwuchsbühne „KIDs Jazz Jam und Junior Jazz“, ein familientaugliches Rahmenprogramm mit Puppentheater, Basteln, Bauen, Malen, Töpfern und Tanzen, Camping-Möglichkeiten rund um den Bauernhof… … und nachmal nutzt sogar auch irgendein tierischer Bauernhofbewohner eine Spielpause, um sich bemerkbar und die zwanglos-entspannende Festivalatmosphäre „am Land“ komplett zu machen.

Baskenland trifft Benin am Buchmannhof

Schon der Eröffnungstag führt den internationalen Charakter und die Wandelbarkeit der dargebotenen Musik vor Augen. Der aus Westafrika stammend, in den USA lebende Gitarrist Lionel Loueke (zuletzt 2008 in Passau zu erleben) unternimmt mit dem Percussionisten Christi Joza Orisha und Bassklarinettenlegende Michel Portal eine musikalische Vermessung der Welt, bei der das Baskenland auf Benin trifft.

Stéphane & Lionel Belmondo (Foto: Géraldine Aresteanu)

Ein Solokonzert für Klaiver und Stimme spielt danach die in Warschau und Berlin lebende Musikerin Hania Rani. 2019 erhielt sie in ihrer polnischen Heimat viel Kritikerlob, Musikpreise und Nominierungen.

Hania Rani (Foto: Marta Kacprzak)

In die Nacht entlässt die Besucher dann der amerikanische Gitarrist Bill Frisell. Ein Routinier des Trioformats veröffentlichte er unlängst bei Blue Note das Album „Valentine“, sein erstes mit Kontrabassist Thomas Morgan und Rudy Royston am Schlagzeug, die auch in Diersbach mit von der Partie sein werden. Man kennt Frisells „countryfizierten“, hallreichen und meditativen Gitarrenton nun seit Mitte der 1990er Jahre. Zunächst kritisch beäugt, unternimmt er damit fortwährend instrumentale Expeditionen in die amerikanische Folklore und auch Sozialgeschichte – nennen wir’s einmal „Jazz-Americana“.

Bill Frisell Trio (Foto: Monica Jane Frisell)

Afroamerikanische Musikgeschichte bringen auch Paulette McWilliams und Chanda Rule zu Gehör. Anfang der 1970er war McWilliams Sängerin der Band Rufus (also VOR Funkröhre Chaka Khan). In ihrem aktuellen Programm „A Woman’s Story“ berichtet sie vom Leben als Backgroundsängerin von Soulgrößen wie Marvin Gaye, Luther Vandross, Aretha Franklin und anderen. Doch hier bekommen die gut bekannten Songs einen bislang nicht gehörten Jazztouch verliehen.

Musikalische Frauenpower und Schaufenster des europäischen Jazz

Bleiben wir noch ein wenig bei Frauenpower: Das katalanische Mutter-Tochter-Gespann Rita Payés Roma und Elisabeth Roma an Posaune und Gitarre und ihr vom Fado bis zum Bossa Nova reichendes Programm will unbedingt noch erwähnt sein.

Zur Primetime am Sonntagabend dann Céline Bonacina, Shootingstar aus Frankreich am Baritonsaxophon.
Und eine Live-Premiere ist gar das Duo der Sängerin Camille Bertault und des Pianisten David Helbock.

Paulette McWilliams (Foto: Anna Webber)

Überhaupt die neuen Töne des europäischen Jazz; das Festival in Diersbach weiß, das manchmal arg US-amerikanisch verengte Gehör von Jazzfans zu weiten. Auch heuer: Das sind Klänge des ländlichen französischen Südens bei Geoffroy Tamisier Lagrimas Azules; freuen möge man sich aber auch auf das in Frankreich seit dem Erscheinen des Debütalbums im März sehr gehypte Belmondo Brotherhood Quintett von Vorjahres-INNtöne-Abräumer Stéphane (Trompete) und Lionel Belmondo (Saxofon).

Erneut wird auch zeitgenössischem, jungem Jazz aus Großbritannien ein Platz eingeräumt. Der kommt heuer ein wenig traditioneller daher (was im Vergleich zu den Vorjahren wohl erst einmal Clubsound-befreit bedeutet): FergusMcCreadies Pianotrio wird heuer das INNtöne-Jazzfestival beenden, und mit dem 21-jährigen Songwriter, Sänger des National Youth Jazz Orchestra und Newcomer des Jahres 2020 bei den britischen Parliamentary Jazz Awards Luca Manning wird es zwar ganz und gar liedhaft zu. Doch obacht, so androgyn wie das Erscheinungsbild dieses Künstlers räumt auch seine Musik mit vormals klaren Vorstellungen (und Hörgewohnheiten?) auf.

INNtöne-Banner (Foto: Schmidt)

Aber ist das nicht nachgerade auch Aufgabe eines Jazzfestivals? Ohren und Herzen am Puls der Zeit aufzuschließen? Das 36. INNtöne Jazzfestival hat jedenfalls das Zeug dazu. Weitere Programmacts, Anfahrt, Unterkünfte und Kartenvorverkauf sind aktuell auf www.inntoene.com abrufbar.