Hammerschmiede 'Kindermann' in Waldkirchen (Foto: Frank Klein)

Geschichten von Selber-Machern

erzählt Christine Hochreiter in „Manufakturen in Niederbayern“. Ein Sachbuch mit Mehrwert

(von Tobias Schmidt)

Seit mehreren Jahrzehnten wird unsere Lebenswelt immer virtueller. Bank- und Postwesen, der Einzelhandel, selbst das abendliche Fernsehen folgt nicht mehr einem linearen Programmschema, statt dessen streamen die Zuschauer von heute, was und wann es ihm oder ihr beliebt. Seit den Tagen der Corona-Pandemie ist die Digitalisierung selbst in Schule und Erwachsenenbildung voran geschritten – und polarisiert dort heftig. Doch ist der Mensch nun einmal ein „homo faber“, also einer, der Dinge wohl überlegt und mit Praxisbezug selbst herstellt.

Mithin braucht er daher das Dinglich-Reale: um es nutzbringend einzusetzen, um sich daran zu freuen, und – in der Epoche der Virtualität mehr denn je – um sich daran festzuhalten und zu erden. Festhalten, das tun wir mit unseren Händen, lateinisch „manus“. Von wo aus es nicht mehr weit ist zu „manu facere“, also zu „von Hand gemachten“ Gegenständen, zu Manufakturware. Viele nachhaltigkeitsaffine Zeitgenossen, historisch Interessierte, Kunden und Geschäftstreibende, Heimatsuchende in Zeiten der Globalisierung schätzen wieder vermehrt solche Gegenstände und Konsumprodukte, die „nicht von der Stange“ kommen. Und sie schätzen das Selber-Machen!

Buchcover ‚Manufakturen in Niederbayern‘ (Foto/Quelle: Battenberg Gietl-Verlag)

Die mehrere Jahrzehnte bei der Mittelbayerischen Zeitung in Regensburg tätige Journalistin und Autorin Christine Hochreiter („111 Orte in und um Passau, die man gesehen haben muss“) hat solche Menschen in ihrer niederbayerischen Heimat besucht und in einem aktuell im Battenberg Gietl Verlag aus Regenstauf erschienenen Buch „Manufakturen in Niederbayern.

Von der Liebe zu handgemachten Dingen“ versammelt. Einige der auf jeweils drei Seiten Porträtierten sind mit traditionellen Werkstoffen wie Holz zugange: Vom Bett übers hölzerne Brillengestell bis zum Geigenbauer. Glasindustrie, dem Obstbau im Lallinger Winkel oder dem Hopfenland Hallertau sind zudem landeskundlich vertiefte Kapitel und Porträts gewidmet. Filzen, Weben, Ledergürtel- und Maßschuhfertigung, Trachtenerstellung, aber auch Modedesign zeigen auf, das kleinteilige Textilwirtschaft auch in Mitteleuropa noch oder wieder funktioniert.

Wolf & Ruhland Cigarrenfarbrik in Perlesreut (Foto: Privat)

Aus Simbach und Waldkirchen erfährt man von hochwertigen und schwer nachgefragten Messern und geschmiedeten Pfannen. Seifensieder, Wachszieher, eine Kaffeerösterei, selbstgemachte Nudeln, Marmeladen und sogar in Frankreich beim Vater aller Starköche, Paul Bocuse, gelernte „Butter-Veredler“ gibt es bei uns in dr Region. Man kommt daher kaum aus dem Staunen heraus, auch wenn man (wie der Verfasser dieser Zeilen) zwei linke Hände hat. Und man nimmt etwas aus der Lektüre mit: den Respekt für Traditionsunternehmen, aber auch passionierte Umsteiger, die ihre Leidenschaften leben und, so Christine Hochreiter „zum Teil Brotberufe verließen, wo sie sehr viel mehr Geld verdienten“.

Handweberei F.X. Moser in Wegscheid (Foto: Handweberei Moser)

Respekt für Macher, die ein altes Handwerk mit alternativen Werkstoffen neu denken und praktizieren, und einmal mehr „von der Provinz aus“ Innovationsimpulse setzen.

Die Lektüre stiftet Zuversicht, dass auch unsere Region und ihre Bewohner mit aufgeschlossenem Geist und tollen, handgefertigten Produkten auch im globalisierten Alltag ihre Frau und ihren Mann stehen.

‚Woidsiederei‘ Regen (Foto: Sara Pfeffer)

„Manufakturen in Niederbayern. Von der Liebe zu handgemachten Dingen“ ist für 17.90 Euro im Buchhandel erhältlich. Es taugt als Lust auf Niederbayern machendes Geschenk, als Vorbereitung für eine regionale Genuss-Reise, als Katalog für Souvenirs oder Geschenke mit richtig viel Mehrwert.