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Dienstag, Mai 28, 2024

Gedenklesung und Vortrag zum 60. Todestag des Schriftstellers Hans Carossa

Lesestoff

Goethe und Genozid

(von Tobias Schmidt)

Passau. Am kommenden Montag jährt sich der Todestag des Arztes, Schriftstellers und Passauer Ehrenbürgers Hans Carossa (1878-1956) zum 60. Mal. Als Lyriker mag er hinter dem jüngeren und ungleich radikaleren „anderen Mediziner-Literaten“ Gottfried Benn zurück stehen – Carossa sah sich nie als Expressionisten, sondern vielmehr in der Nachfolge Goethes stehend – und doch wäre jede Geschichte des deutschen autobiographischen Romans ohne diesen, seit 1904 mit Unterbrechungen bis an sein Lebensende, in Passau ansässigen Schriftsteller unvollständig. Die Stadt Passau gedenkt Carossas am Sonntag, 11. September und Montag, 12. September mit einem Vortrag und einer Lesung in der Europabücherei. Diese Veranstaltung steht unter dem Motto „Für ein Reich des Geistes und des Herzens!“, einem Satz aus Hans Carossas am 8. Juni 1938 im Deutschen Nationaltheater Weimar anlässlich der Verleihung des Frankfurter Goethepreises gehaltenen Rede „Wirkungen Goethes in der Gegenwart“. Der Satz wird gern als humanistisches Bekenntnis wider die nationalsozialistische Diktatur verstanden. Diese Zeit hatte Carossa in brieflich belegter „Innerer Emigration“ verbracht, obschon die NS-Führung in hoch schätzte, umwarb und ihm die seinerseits wenig geliebte Präsidentschaft der „Europäischen Schriftsteller-Vereinigung“ übertrug. Hans Carossa war ein „Leisetreter“, einer der Reichskanzler Hitler zum 50. Geburtstag ein Gedicht schrieb, in privaten Briefen hingegen von ganz anderen Reichen wie folgt sprach: „Wer heutzutage nicht ein eigenes Reich in seinem Innern aufrichten kann oder in einem Reich des Geistes dienen will, der wird irgend einem hysterischen Brüllaffen nachlaufen müssen“. Der Aufnahme in die gleichgeschaltete Preußische Dichterakademie verweigerte er sich; dem anfangs noch glühenden Nationalsozialisten (und oben erwähnten) Gottfried Benn widersprach er heftig, als dieser emigrierte Schriftsteller öffentlich herab setzte. Gemeinsam mit anderen Kollegen erwirkte er bei Reichspropagandaminister Joseph Goebbels und Ernst Kaltenbrunner, Leiter des Reichssicherheitshauptamtes, die Freilassung der schwer kranken Schriftsteller und Verleger Alfred Mombert und Peter Suhrkamp aus KZ-Haft. In den letzten Kriegswochen hatte er auf eine Kapitulation der Stadt Passau gedrängt, wofür er von einem SS-Offizier in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurde. Dennoch, Hans Carossa verstand sich als einen „in seiner Zeit Verstrickten“. Sein vorletztes vollendetes Buch, „Ungleiche Welten“ aus dem Jahr 1951 gibt davon Zeugnis. Auch hier ist wieder vom „Reich des Geistes und des Herzens“ die Rede. Aber eben auch vom Holocaust als Adolf Hitler zugeschriebener Tat, die dem Judentum, zu weltweiter Aufmerksamkeit verhalf und so vielleicht die Gründung des Staates Israel erst möglich machte. Goethe plus Genozid plus Geschichtsspekulation minus Kollektivschuld, diese Gleichung gerät dem Arzt und Apologeten Hans Carossa nur zu hanebüchenem Humbug.
Es wird darum interessant, wenn sich Vorleser und Vorleserinnen aus Politik, Kultur, Kirche, Schule und Wissenschaft bei der Gedenklesung zum 60. Todestag des Schriftstellers am Sonntag, 11. September und am Montag, 12. September jeweils ab 18 Uhr in der Europabücherei Passau, Schießgrabengasse 2, diesem durchaus kontroversen Lebensbericht Carossas widmen. Am Sonntag um 16 Uhr geht dem ein Vortrag von Dr. Hans Göttler, Akademischer Rat an der Universität Passau voraus. Ebenso eine Besichtigung des im März 2016 in der Europabücherei eingerichteten Carossazimmers, die dort gezeigten Teile des Dichternachlasses waren zu Jahresbeginn von der Stadt Vilshofen an die Stadt Passau zurück überstellt worden. Der Eintritt zur Veranstaltung ist frei.

Hans Carossa (Bildquelle: J.M.L. Pasquay)
Hans Carossa (Bildquelle: J.M.L. Pasquay)

(Bild zuoberst: Carossa-Zimmer – Bildquelle: Europabücherei Passau)

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