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Freitag, Januar 9, 2026

Der Winter, der seine Unschuld verlor.

Lesestoff

Zwischen der Trauma von Bad Reichenhall und dem Kampf ums Überleben im Landkreis Freyung-Grafenau im Februar 2006

„Der Winter 2005/2006 ging als einer der schneereichsten in die Annalen der bayerischen Wettergeschichte ein. Doch für die Menschen im Landkreis Freyung-Grafenau sind die meteorologischen Daten nur Fußnoten einer viel drastischeren Erinnerung. Es waren die Wochen des Katastrophenalarms. Wochen, in denen Schulen geschlossen blieben, Industriehallen evakuiert wurden und die Bundeswehr mit schwerem Gerät anrückte, um die zivile Infrastruktur vor dem Kollaps zu bewahren. Getrieben von der tiefsitzenden Angst nach dem Unglück von Bad Reichenhall, entwickelte sich im Februar 2006 ein logistischer Kraftakt, der in der Geschichte der Region beispiellos ist. Ein Rückblick auf eine Zeit, in der Schneeschaufeln zur Überlebensstrategie wurde.“

Röhrnbach und der südliche Landkreis waren strategisch wichtige Punkte. Während auf den Bergen (Lusen, Rachel) der Schnee meterhoch lag, war in den etwas tieferen Lagen (wie Röhrnbach oder Waldkirchen) das Problem die Nässe.

Der Fall „Knaus Tabbert“ (Jandelsbrunn):
Nur wenige Kilometer von Röhrnbach entfernt, in Jandelsbrunn, spielte sich einer der dramatischsten Einsätze ab. Das riesige Dach der Wohnwagenfabrik Knaus Tabbert drohte unter der Last einzustürzen. Hier kämpften nicht nur zivile Helfer. Rund 50 Soldaten und 200 Feuerwehrleute waren im Schichtbetrieb auf dem Dach, um die Produktion und die Arbeitsplätze der Region zu retten. Es war ein Wettlauf gegen die Zeit, bevor der nächste Schneefall oder Regen einsetzte.

Die Schulen: Auch in Röhrnbach und Waldkirchen blieben die Schulen geschlossen. Nicht (nur), weil die Busse nicht fuhren, sondern weil man Angst um die Flachdächer der Turnhallen und Schulgebäude hatte. Nach Bad Reichenhall wollte kein Rektor das Risiko eingehen.

Die Bundeswehr im Katastrophengebiet
Für die Bevölkerung war das Eintreffen der Bundeswehr der psychologische Wendepunkt. Wenn die „Flecktarner“ kamen, wusste man: Jetzt wird angepackt.

Wer war da? Es waren nicht irgendwelche Soldaten, sondern oft auch die „Nachbarn“ und Spezialisten:

Aufklärungsbataillon 8
(Freyung):
Die „Freyunger Aufklärer“ aus der Kaserne „Am Goldenen Steig“ waren die erste Linie der Verteidigung. Da sie direkt vor Ort stationiert waren, konnten sie extrem schnell reagieren. Sie schaufelten Dächer von Krankenhäusern, Altenheimen und Schulen frei. Für viele junge Wehrdienstleistende damals war es der erste „Ernstfall“ – und er fand direkt vor der Haustür statt.

Gebirgsjäger (Bad Reichenhall / Bischofswiesen): Diese Truppen waren Gold wert. Durch ihre alpine Ausbildung waren sie Experten im Sichern auf steilen Dächern. Während die Feuerwehr oft nur mit Drehleitern arbeiten konnte, kletterten die Gebirgsjäger angeseilt auf die rutschigen Kirchendächer und Bauernhöfe im tiefsten Bayerischen Wald.

Gebirgspioniere (Ingolstadt/Brannenburg): Sie kamen mit dem schweren Gerät. Wo lokale Radlader versagten oder die Schneewände zu hoch für Fräsen waren, rückten die Pioniere an, um Straßen wieder verbreitern zu können, die nur noch einspurige Tunnel waren.

Was diesen Einsatz so besonders machte
Es gab eine Szene, die vielen im Gedächtnis blieb und die Stimmung gut beschreibt: In vielen Dörfern im Landkreis FRG wurden die Soldaten nicht wie eine Armee empfangen, sondern wie verlorene Söhne. Bäuerinnen kochten Suppe und Tee und brachten sie direkt an die Leiter. Es herrschte eine fast surreale Kameradschaft zwischen den völlig übermüdeten Feuerwehrlern (die oft schon seit Tagen im Einsatz waren) und den frischen Kräften der Bundeswehr.

    Ein technisches Detail am Rande: Die Bundeswehr brachte auch Schneewaagen und Statiker mit. Man verließ sich nicht mehr auf das Augenmaß. Es wurde gemessen: Wie viel Wasser steckt in diesem Kubikmeter Schnee? Das Ergebnis war oft schockierend – der Schnee wog durch den Regenanteil oft drei- bis viermal so viel wie gewöhnlicher Pulverschnee.

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