Erzählen als Widerstand

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    Überlebenskünstlerinnen brechen ihr Schweigen

    Passau. Es sind erschütternde Berichte, die betroffen machen und sensibilisieren sollen: Im Buch „Erzählen als Widerstand“ sprechen Frauen von ihren Erfahrungen mit spirituellem und sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche. Die Sammlung erschien im vergangenen Jahr am 25. November und damit am Internationalen Gedenktag gegen Gewalt an Frauen. Nun, ein Jahr später, hat die Passauer Aktionsgruppe „NEIN zu Gewalt an Frauen“ mit der Vorstellung dieses Buchs im Bildungshaus Spectrum Kirche ihr diesjähriges Aktionsprogramm eröffnet.

    Eines stellte Walburga Westenberger, Frauenseelsorgerin im Referat Frauen des Bistums Passau, gleich zu Beginn klar: Keineswegs sollte es an diesem Abend darum gehen, die Kirche „anzuschwärzen“. „Es geht vielmehr darum, Unrecht, das auch unter dem Dach der Kirche und dem Deckmantel von Religion und Glaube passiert, sichtbar zu machen. Es ist wichtig, dieses Unrecht zu benennen und zu besprechen“, sagte Westenberger zur Einführung und übergab das Wort an Dr. Barbara Haslbeck. Die Theologin und Theologische Referentin für Fort- und Weiterbildung in Freising zählt zum Kreis der Herausgeberinnen des Buches, die allesamt in der Theologischen Kommission des Katholischen Deutschen Frauenbundes engagiert sind. Haslbeck verdeutlichte, was das Buch so besonders macht: Betroffene Frauen selbst finden Worte für das, was bisher – wenn überhaupt – nur verschämt ansprechbar war. „Die 23 Berichte spiegeln wie ein Kompendium all das, was zu sagen ist, wenn es um Missbrauch an erwachsenen Frauen in der Kirche geht. Mein Eindruck ist: jede Frau hat sehr gerungen, die richtigen Worte zu finden. Denn wie kann man das Unsagbare sagen?“, fragte Haslbeck. Wenn zuvor von Missbrauch an erwachsenen Frauen in der Kirche die Rede war, sei oft von einem „Einzelfall“ gesprochen worden. Das Buch beweise, dass das doch, dass es in der Struktur der Kirche etwas gibt, das Missbrauch ermöglicht“, erklärte Haslbeck. Der Missbrauch geschah den Berichten zufolge oft im Rahmen von Geistlicher Begleitung, von Exerzitien und Beichte.

    Gemeinsam mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern beleuchtete Haslbeck verschiedene Lernerfahrungen, die sich aus dem Buch ziehen lassen. Allen voran: „Wir haben erkannt, dass spiritueller und sexueller Missbrauch eng miteinander verbunden sind. Von den 23 Berichten im Buch sprechen einige wenige ausschließlich von spirituellem Missbrauch. Aber alle, die sexuellen Missbrauch schildern, haben vorausgehend auch spirituellen Missbrauch erlebt.“

    Eine verbreitete Strategie der Täter sei deutlich geworden, nämlich zu suggerieren, dass das, was passiert, normal sei. „Wenn etwa der Priester der Frau sagt, dass das, was er mit ihr tut, die Liebe Gottes zeigt, wird die Wahrnehmung der Frau außer Kraft gesetzt. Es verfestigt sich bei ihr der Eindruck: ‚Selbst Gott will das für mich‘.“ Zudem zeige das Buch, dass es keine Schubladen gibt, was die Betroffenen angeht. „Wir selbst haben damit gerechnet, dass sich vorwiegend Ordensfrauen melden. Sie haben sich auch gemeldet. Neun der Berichte im Buch stammen von Ordensfrauen. Aber: 14 Berichte kommen von anderen Frauen. Es gibt nicht DIE Frau, die in der Kirche Missbrauch erlebt. Die Frauen sind enorm unterschiedlich, sind Single oder verheiratet, älter und jünger. Was aber alle Frauen verbindet: Sie sind hochengagiert in der Kirche.“ Haslbeck betonte weiterhin, dass die Berichte klassische Fragen wie „Das sind doch erwachsene Frauen, die können doch nein sagen, oder nicht?“ beantworten. Der Missbrauch bahne sich meist strategisch an und die Person, die missbraucht, baue sich als Vertrauensperson auf. „Betroffene identifzieren sich dann ganz mit der Person, tun alles, um es ihr recht zu machen. Diese Identifikation mit dem Aggressor macht es schwer, nein zu sagen. Die Frau erkennt nicht mehr, wie sehr sie benutzt wird. Es ist für sie leichter, davon auszugehen, dass das, was geschieht, auch das ist, was sie selbst will“, erklärte Haslbeck. Ebenfalls auffällig: Zahlreiche der Frauen, die im Buch ihr langes Schweigen brechen, waren bereits als Kinder von Missbrauch betroffen. „Zudem beschreiben die Frauen den Missbrauch immer eingebettet in eine Abhängigkeitssituation“, so Haslbeck weiter.

    Eine der Frauen, die ihre Geschichte im Buch unter dem Pseudonym Anna Althaus erzählt, war persönlich anwesend. Sie hatte über 30 Jahre hauptamtlich für die katholische Kirche gearbeitet, bis sie im Rahmen eines Anstellungsverfahrens Machtmissbrauch erlebte und unter Druck gesetzt worden sei, über persönlichste Dinge wie ihre Sexualität und ihren Geschlechtspartner Auskunft zu geben. Für sie haben die Geschehnisse zum Verlust ihrer Heimat geführt. „Ich habe in dieser Kirche gelebt, sie geliebt. Die Heimatlosigkeit ist wie ein Tsunami. Es bleibt kein Stein auf dem anderen, im Inneren erlebt man Erschütterung. Die Organisation, die sagt, sie will das Heil des Menschen, darf so etwas einfach nicht machen. Das ist ein Verbrechen an Seelen.“

    Althaus schilderte schließlich aber auch, was sie hat überleben lassen: „Das waren Menschen, die meine Verletzung verstanden haben und gesagt haben: Wie du fühlst, ist in Ordnung. Diese Menschen waren weder emotional noch finanziell von der Kirche abhängig.“ Geholfen habe ihr zudem, zu akzeptieren, dass sie wegen der Geschehnisse erkrankt ist. „Psychisch gebrochen, traumatisiert und depressiv bin ich in eine Klinik gegangen. Nachdem ich mich auf diese Weise ausreichend stabilisiert hatte, habe ich mich der Tatsache gestellt, dass ich nun ohne Arbeit und finanzielle Sicherheit bin.“ Althaus verwendete all ihre Kraft darauf, sich neu zu qualifizieren, um sich eine kirchenunabhängige Existenz aufzubauen. „So ist es mir gelungen, Schritt für Schritt wieder auf die Füße zu kommen. Ich bin zurück im Leben.“ Letztlich habe sie auch gelernt, zu akzeptieren, dass sie für den Anteil der Kirche, für die Schuld des Täters und die Nichtaufklärung der Geschehnisse durch die Verantwortlichen, nicht zuständig sei. „Nichts von dem liegt in meiner Verantwortung. Ich bin ganz frei, bei mir zu sein, und zu erzählen, was ich erlebt habe. Ich habe erlebt: Erzählen ist Widerstand. Widerstand bringt Konfrontation. Konfrontation schafft Klarheit. Klarheit ermöglicht Entscheidung. Und Entscheidung hat mir das Leben geöffnet.“

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