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Blick ins „offene Herz“ eines Denkmals

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Tag des offenen Denkmals (11. September) zeigt: So wird das historische Amtmannhaus in Scherleinsöd für die Nachwelt gerettet

Untergriesbach. Am „Tag des Offenen Denkmals“ (11. September 2022) präsentiert der Landkreis Passau traditionell eines  seiner 3300 Denkmäler der Öffentlichkeit. In diesem Jahr geht Kreisarchäologe Alois Spieleder ganz neue Wege und zeigt einen dieser Schätze mitten im Sanierungsprozess: Das historische Amtmannhaus in Scherleinsöd (Marktgemeinde Untergriesbach) wird derzeit von Grund auf saniert. Die Besucher des stattlichen Baus aus dem 17. Jahrhundert erleben am Tag des offenen Denkmals gleichsam live, wie das Gebäude für kommende Generationen gerettet wird.

Für Alois Spieleder ist damit die „einzigartige Chance verbunden, eine ganz wesentliche Funktion von Denkmälern zu zeigen: Die Funktion als lebendiges Archiv ihrer Zeit“. Das bedeute, dass Denkmäler ja auch als Quellen für vergangene Lebensweisen verstanden werden könnten, erläutert Spieleder. Aber: „Diese Quellen sind oft nicht auf den ersten Blick erkennbar, meistens können wir sie nur während der Restaurierungsphase kurz bemerken und dokumentieren“. Im Fall des Amtmannhauses in Scherleinsöd führte die Restaurierung zunächst zu einer bauhistorischen Untersuchung auf gut 400 Seiten. Wie bei einem Blick ins „offene Herz“, so der Kreisarchäologe weiter, konnten im Zuge der Arbeiten acht  Bauphasen, einschließlich der letzten im Zuge der Notsicherung des Gebäudes im Jahr 2005, dokumentiert werden. Spieleder: „Das bedeutet: fast jede Generation hat Ihre Spuren hinterlassen. Besonders erfreulich war für mich persönlich die nahezu komplett erhaltene Rauchkuchl aus der Erbauungszeit sowie die erhaltenen Balkendecken.“

• Felix Scheuermann mit einem der originalgetreu rekonstruierten Kastenfenster. Als gelernter Schreiner und studierter Architekt hat der Sohn des Besitzers mit dem Sanierungsprojekt in Scherleinsöd eine Lebensaufgabe gefunden (Foto: Landratsamt Passau)

Wenn Spieleder vom Amtmannhaus in Scherleinsöd spricht, nennt er gleich zwei Glücksfälle, die mit diesem Denkmal verbindet: Die außerordentlich gute Zusammenarbeit mit der Besitzerfamilie, die von Anfang an ihr ambitioniertes Sanierungsprojekt im intensiven Dialog mit dem Denkmalschutz plante und derzeit durchführt. Besonders hervorzuheben ist hierbei die Leistung von Felix Scheuermann, der als Architekt einen Großteil der Planungsleistung übernahm. In der Sanierung wird er von seiner Lebensgefährtin Lea Hailer, Innenarchitektin, maßgeblich unterstützt. Als weiteren Glücksfall wertet Spieleder die Kooperation mit der Universität Passau. Stefan Krottenthaler vom Lehrstuhl für Physische Geographie hatte das Alter der Bauhölzer ermittelt und dabei festgestellt: Das Gebäude ist gut 50 Jahre älter als bisher angenommen und in die Zeit um 1670 zu datieren. Krottenthaler hatte aus Sicht eines Klimaforschers die Hölzer bestimmten klimatischen Konstellationen bzw. deren historischem Auftreten zugeordnet. Dies wird der Forscher am 11. September auch vor Ort am Amtmannhaus erläutern und dabei zeigen: Bauhölzer aus Denkmälern sind auch Klimaarchive.

• Der Hausgang mit dem von jahrhundertealter Begehung blank geschliffenem Steinboden (Foto: Landratsamt Passau)

Der „Tag des offenen Denkmals“ ist die europaweit größte Kulturveranstaltung und steht heuer unter dem Motto „Kultur-Spur. Ein Fall für den Denkmalschutz“ Es geht um Zeugnisse aus der Vergangenheit, die Forscher verschiedenster Fachrichtungen auf die Spur unserer Kulturgeschichte bringen.

Die Veranstaltung wird am Sonntag, den 11.09, von Landrat Raimund Kneidinger um 13.00 eröffnet. An Infostationen verdeutlichen u.a. Felix und Andreas Scheuermann (Besitzer) die Innenrestaurierung und denkmalgerechte Planung, Stefan Krottenthaler berichtet über die Ergebnisse der Dendrochronologie und Klimaforschung in Verbindung mit dem Amtmannhaus und der Kirchenmaler und Restaurator Josef Kreilinger informiert zur Fassadenrestaurierung. Die Hausgeschichte und einige historische Anekdoten wird Kreisheimatpfleger Georg Schurm weitergeben.


Amtmannhaus Scherleinsöd 5

Das Gebäude bzw. die Hofstelle wurde um 1670 erbaut und diente als Wohnung für den dem Untergriesbacher Amtsrichter zugeordneten Amtmann (Funktion eines Gerichtsdieners, Schreiber etc.). Ausstattung und Fassade haben daher eher herrschaftliches Gepräge. Bewohnt war das Anwesen bis in die 2000er Jahre, 2005 erfolgte nach einem schweren Wasserschaden eine Notsicherung durch die Denkmalschutzbehörde. Seit 2020 im Besitz der Familie Scheuermann, Beginn der Generalsanierung 2021.

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