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Montag, Juni 17, 2024

Austausch über Cannabis-Teillegalisierung

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MdL Ebner lädt zur Expertenrunde über Drogenkriminalität, Suchtproblematik und -prävention in der Grenzregion

Zu einem Austausch über die Themen Drogenkriminalität, Suchtproblematik und -prävention in der Grenzregion hat Landtagsabgeordneter Dr. Stefan Ebner anlässlich des Besuchs des Bundesvorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft Rainer Wendt im Stimmkreis Fachleute aus dem Bereich der Suchtberatung sowie von behördlicher und medizinischer Seite geladen. Die Expertenrunde diskutierte die gegenwärtige Situation in Bezug auf stoffgebundene und nicht-stoffgebundene Süchte bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.

Hemmschwelle zur Inanspruchnahme von Beratungsangeboten sehr hoch

Der Verein „Böhmwind – Initiative für gesundes Leben e.V.“ wurde vor dem Eindruck zahlreicher Drogentoter im Landkreis Regen im Jahr 2000 gegründet und engagiert sich seither ehrenamtlich im Bereich Gesundheitsförderung und Prävention. Wie Geschäftsführer Matthias Wagner berichtet, stehen rund zwei Drittel aller Beratungen des Suchtpräventionsvereins im Zusammenhang mit der Droge Alkohol. Dabei sei die Hemmschwelle zur Inanspruchnahme von Beratungsangeboten erfahrungsgemäß sehr hoch. „In der Regel bedarf es eines auslösenden Moments, um Hilfsangebote wahrzunehmen“, schildert Wagner. Neben dem Druck aus dem familiären oder beruflichen Umfeld besteht dieser Auslöser in der Region oftmals in einem Führerscheinentzug.

Dass der Erstkontakt zwischen Betroffenen und Suchtberatungsstelle in vielen Fällen erst in Folge eines Verfahrens wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz entsteht, unterstreicht für MdL Dr. Stefan Ebner die Notwendigkeit einer stärkeren polizeilichen Fokussierung auf die Drogenkriminalität. Wie Polizeigewerkschaftsvorsitzender Rainer Wendt kritisiert, würde in vielen Bundesländern aber gerade hier massiv Personal abgezogen. „Das statistisch festgestellte Absinken der Rauschgiftkriminalität ist lediglich Ausdruck eines Fokuswechsels“, erläutert Wendt. Sinkende Fallzahlen seien im Bereich der Drogenkriminalität regelmäßig das Ergebnis einer Reduzierung der Kontrollen. Auch die Befolgung der neuen Vorschriften im Zusammenhang mit der Cannabis-Legalisierung könne faktisch nicht kontrolliert werden, bemängelt der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft.

„Hohes Maß an Eigenverantwortung gefragt“

„Bei Genussmitteln mit psychotroper Wirkung wie zum Beispiel Alkohol, ebenso wie bei dem nun teillegalisierten Cannabis, ist ein hohes Maß an Eigenverantwortung gefragt“, so Dr. Carolin Müller, Fachärztin für öffentliches Gesundheitswesen am Landratsamt Regen. Die Wirkung von Cannabis sei von vielen Faktoren, wie etwa der Dosis, Frequenz, Zusammensetzung und der individuellen Disposition abhängig. Der Gehalt der psychotropen Hauptsubstanz in Cannabis, dem Tetrahydrocannabinol (THC) habe in der Vergangenheit enorm zugenommen. Studien zufolge ist unter anderem ein früher, regelmäßiger, langandauernder und hochdosierter Konsum von Cannabinoiden in Kombination mit weiteren Stressoren mit einem erhöhten Risiko für psychotische Störungen verbunden. Auch Schmerztherapeut Dr. Axel Menzebach sieht diese Gefahr. „Die Legalisierung des Anbaus und die dadurch zu erwartende massive Überproduktion wird dazu führen, dass eine große Menge Cannabis mit unbestimmten THC-Gehalt unkontrolliert auf den Markt kommt“, befürchtet der Mediziner. Er erwartet, dass die Legalisierung den Schwarzmarkt nicht eindämmt, sondern – im Gegenteil – geradezu fluten wird.

Allgemeinarzt, Psychotherapeut und ärztlicher Kreisverbandsvorsitzender Dr. Manfred Schappler unterstreicht die Ansicht seines Kollegen, wonach die Cannabis-Legalisierung aus medizinischer Perspektive ein schwerwiegender Fehler sei. Die Nachfrage nach einer verordneten Cannabis-Versorgung sei sehr hoch und quer durch alle Schichten gewachsen, berichtet der Mediziner. Er habe in den letzten Jahren in Bodenmais bereits drei Jugendliche mit Psychosen behandelt. Dabei sei Cannabis als Medikament bei guter Einstellung und engmaschiger Überwachung durchaus sinnvoll, als Konsumprodukt aber höchst risikobehaftet. Dr. Menzebach befürchtet zudem eine Pseudostigmatisierung von medizinisch verordneten Konsumenten und fordert beispielsweise bei Grenzwerten im Straßenverkehr eine regulative Trennung von medizinischer Nutzung und allgemeinem Konsum.

Stärkerer Fokus auf präventivem Bereich

In der Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen beobachtet die Geschäftsführerin des Kreisjugendrings Regen Kathrin Zitzelsberger-Fernandes allen voran die Verharmlosung von E-Zigaretten und Vapes als große Problematik. Auch Böhmwind-Geschäftsführer Matthias Wagner sieht in dieser Altersgruppe neben dem Alkohol einen wachsenden Konsum bei Snus, Nikotin-Pouches, Vapes und Energy-Drinks. Im Bereich der nicht-stoffgebundenen Süchte bereite v. a. die Mediensucht zunehmend Probleme. „In einer immer komplexer werdenden Welt nehmen Halt und Bindung in Familie und Freundeskreis in der Lebensrealität zahlreicher Kinder und Jugendlicher immer weiter ab“, beschreibt Wagner die Problematik. Dies führe zu Kompensationen, die in Süchte führen können. Um diesen Wirkungen entgegenzutreten, soll ein stärkerer Fokus auf den präventiven Bereich gelegt werden. „Kinder und Jugendliche müssen Lebens- und Risikokompetenz erwerben“, betont etwa Martin Hackl, Jugendamtsleiter am Landratsamt Regen. Um die Persönlichkeitsentwicklung im Jugendalter zu stärken und zu fördern, bedarf es umfassender Informationsangebote, aber auch klarer Grenzen und ggf. Sanktionen.

„Grenzüberschreitungen sind dabei notwendige Bestandteile der Persönlichkeitsentwicklung“, wie Hackl unterstreicht. Das Erlernen und Erkennen von Grenzen sei zudem die beste Prophylaxe gegen die Entwicklung von Suchtverhalten. Die Fachrunde war sich mit Blick auf die Erfahrungen aus Suchtberatung und -prävention einig, dass ein stabiles familiäres Umfeld die wesentlichste Grundlage bildet, um Suchtverhalten vorzubeugen. Flankierend sind niederschwellige Aufklärungs- und Beratungsangebote sowie – bei Abdriften in ein Suchtverhalten – ein schnelles Erkennen der Problematik und eine schnelle Verfügbarkeit von Therapieplätzen essentiell. Auch dürfen Politik und Behörden nicht die Augen verschließen und sich auf vermeintlich rückläufigen Kennzahlen ausruhen. „Drogenfunde und Aufklärung im Bereich der Drogenkriminalität hängt maßgeblich von der eingesetzten Personalstärke der Polizei bzw. Kriminalpolizei in diesem Bereich ab“, unterstreicht Rainer Wendt. Eine Reduzierung der Dunkelziffer sei Auftrag an die Politik. Auch im Sinne der Bewusstseinsschaffung der Betroffenen.

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