Stellen Sie sich einmal vor. Sie erhalten jeden Monat 800 Euro, ohne dass Sie dafür etwas tun müssen. Klingt doch gar nicht mal so schlecht. Und für ca. 5 Millionen Finnen wird das sogar bald zur Realität werden. Im besten Fall ab 2017. Dadurch würden die Menschen in Finnland eher bereit sein, einer schlechter bezahlten Arbeit nachzugehen; das ist momentan – natürlich – auch schon möglich, aber mit verringerten Sozialleistungen. Premierminister Juha Sipilä fasst es so zusammen: „Für mich bedeutet ein bedingungsloses Grundeinkommen die Vereinfachung des Sozialsystems.“ Laut ersten Schätzungen des Finanzdienstes Bloomberg werden dadurch auf die finnische Staatskasse rund 47 Milliarden Euro zukommen.

Wer nicht arbeitet, der soll nichts essen

Was in Helsinki vom Parlament verabschiedet wurde, wird im nächsten Jahr auch den Eidgenossen mittels einer Volksinitiative serviert. Der vorgeschlagene Gesetzestext liest sich so: „Das Grundeinkommen soll der ganzen Bevölkerung ein menschenwürdiges Dasein und die Teilnahme am öffentlichen Leben ermöglichen.“ Es ist kaum damit zu rechnen, dass die Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer ihren Segen dazu geben werden. Oder formulieren wir es anders; selbst die Befürworter dieser Initiative glauben nicht an einen Erfolg – hinter vorgehaltener Hand, versteht sich. Die Konservativen in unserem Nachbarland können mit diesem Grundeinkommen (oder Grundgehalt) überhaupt nichts anfangen, denn immer noch gilt das Motto „Wer nicht arbeitet, der soll nichts essen“. Die Liberalen hingegen hegen durchaus einige Sympathien dafür und kommen mehrheitlich zum Schluss, dass damit der Verwaltungsaufwand und auch die Bürokratie des (Sozial-) Staates mit einem einzigen Federstrich wegfallen würden.

Arbeit und Einkommen entkoppeln

In Deutschland setzt sich „Die Linke“ schon seit vielen Jahren für ein bedingungsloses Grundeinkommen ein. Aber darüber hinaus herrscht so ziemlich Schweigen im Parteien-Wald. Denn geht es um ein bedingungsloses Grundeinkommen, dann werden auch hierzulande die Menschen erstaunlich emotional. Ähnlich den Eidgenossen heißt es dann: „Wer nicht arbeitet, soll auch nichts bekommen“. In der Theorie stellt sich in erster Linie immer dieselbe Frage. Wie soll das Land das schon finanzieren? Darauf folgen endlose (politische) Diskussionen. Dann natürlich noch die absurde Vorstellung, dass mit einem Grundeinkommen jeder machen kann, „was ihm Spaß macht“. Natürlich sollen die Menschen dadurch von der Sklaverei der Erwerbsarbeit befreit werden, aber zu glauben, dass dann nur noch eine Gesellschaft aus Künstlern und Möchte-gern-Therapeuten und Freizeit-Bastler bestehen würde, ist einfach Blödsinn.

Noch mehr Bildung genügt nicht

Martin Ford, Autor des Buches „Rise oft he Robots“ umschreibt es so: „Wenn wir akzeptieren, dass auch immer größere Investitionen in das Bildungswesen unsere Probleme nicht lösen werden, und Aufrufe, die zunehmende Automatisierung der Arbeit zu verhindern, nicht realistisch sind, dann müssen wir über den Tellerrand der bestehenden politischen Ansätze hinausschauen. Meiner Ansicht nach ist die effektivste Lösung ein bedingungsloses Grundeinkommen.“

Die Diskussion über ein bedingungsloses Grundeinkommen wird also auch in Deutschland – und in absehbarer Zeit – wieder Fahrt aufnehmen. Denn der rasante technische Fortschritt wird die Arbeitswelt noch mehr umkrempeln. Künstliche Software und Roboter werden noch mehr Arbeiten (und schlussendlich Arbeitnehmer) komplett überflüssig machen und somit die meisten Arbeitsprozesse beeinflussen. In diesem Kontext sollte auch das bedingungslose Grundeinkommen angesehen werden, als Bestandteil und Problemlösung einer neuen Wirtschaftsordnung, die sich allmählich zeigt und unaufhaltsam weiterentwickelt.

In dieser ganzen Diskussion geht es nicht um linke, rechte oder Mitte-Parteien. Die Frage wird dann sein, ob die bestehende Wirtschaftsordnung noch zu retten ist oder nicht? Sollten Sie diese Frage mit Ja beantworten, dann können Sie das bedingungslose Grundeinkommen ablehnen. Aber wer der Ansicht ist, dass wir am Ende eines langen Wirtschaftszyklus angelangt sind und irgendwie am Beginn einer neuen Reise stehen, der könnte diese Idee eines bedingungslosen Grundeinkommen durchaus als ersten Problemlösungsprozess betrachten.