Ein Weihnachtshit von jenseits der Grenze, Jakub Jan Rybas Böhmische Weihnachtsmesse ist am 14. Dezember groß besetzt in St. Paul zu hören

(von Tobias Schmidt)

Für manche Menschen in Deutschland ist die Adventszeit nicht wirklich da, wenn sie nicht Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium gehört oder gar gesungen haben. Nun erfordern die sechs Kantaten eine Menge Stimme (oder alternativ Sitzfleisch), wofür uns vorweihnachtlich Abgehetzten oft die Geduld fehlt. Überdies hat so manches amerikanisches, recht säkular daher kommendes Weihnachtslied heute dem alten Bach den Rang abgelaufen.

In unserem Nachbarland, in der Tschechischen Republik ist das anders. Dort heißt es nicht „Jauchzet, frohlocket“ wie bei Bach, sondern „Hej, Mistře“, übersetzbar mit „Steh auf, Meister!“. Es sind die Eröffnungsworte der Böhmischen Weihnachtsmesse, der „Česká mše vánoční“ des böhmischen Lehrers und Komponisten Jakub Jan Ryba (1765-1865). Ein Lehrer-Kantor in der Zeit Kaiserin Maria Theresias und ihres Sohnes Joseph I.; ein Dorfschulmeister, der die Ideen der Aufklärung verbreiten wollte. Einer, der durchaus auch mit in der Dialogform verfassten Erziehungsratgebern gegen „Heidnisches“ in den Weihnachtsbräuchen – etwa den Nikolaus und Krampus – zu Felde zog. Entgegen damaliger Vorgaben für die Unterrichtssprache nicht nur auf Deutsch (zuvor Latein), sondern auch auf Tschechisch, damals eine in Wiederentdeckung befindliche Nationalsprache, aber dennoch eher das Idiom der „kleinen Leute“. Doch auch die spielen und hören Musik und wollen die Weihnachtsbotschaft verstehen. Und schließlich sind es ja „kleine Leute“, denen der Heiland der Welt geboren wird. Und „kleine Leute“ waren auch die Hirten, die als erstes an der Krippe von Bethlehem gewesen sein sollen.

Für seine Mitmenschen im Ort also komponierte Jakub Jan Ryba 1796, die „Česká mše vánoční“. Eine auf Tschechisch gesungene Hirtenmesse in A-Dur (heute transponiert gesungen), mit klassisch angeordneten und lateinisch übertitelten Werkteilen (Kyrie, Gloria Sanctus etc.). Die Handlung ist schnell berichtet: Die Engel verkünden den Hirten die Geburt Jesu, diese brechen nach Bethlehem auf, bringen dem Kind Geschenke dar bevor die Messe mit Friedensbitte und großem Lobpreis zum Ende kommt. Musikalisch ist das alles insgesamt schlicht gearbeitet, trägt in Teilen volksliedhafte Züge, die zu sehr eingängigen Pastorellen ausgearbeitet sind. Rybas Böhmische Weihnachtsmesse steht Haydns Oratorien oder Mozarts Singspielen näher, als der Tradition nationalsprachlicher Messen, in die sie sich freilich einreiht (man denke etwa an Michael Haydn oder Franz Schubert). Bis heute kennt diese Komposition in Tschechien wohl jeder. Die Jahre des tschechoslowakischen Kommunismus haben der Popularität nichts anhaben können, und sie scheint auch gegen die eingangs erwähnte amerikanische Vereinnahmung immun. Ob das am aufklärerischen Furor ihres Schöpfers Jakub Jan Ryba liegt? Mit dem es jedoch kein gutes Ende nahm: Durch Kindstod der halben Familie, durch den Staatsbankrott 1811 auch seiner materiellen Grundlagen beraubt, mit seinen kirchlichen Vorgesetzten überworfen, zog er sich in die Einsamkeit zurück und widmete sich den Schriften Senecas. Im April 1815 wählte er den Freitod. Es existiert kein authentisches Porträt, die Originalpartitur der Böhmischen Weihnachtsmesse, ist verschollen, der Librettist unbekannt. Dabei böten Rybas bis heute noch nicht vollständig erschlossenen etwa 1300 Kompositionen und seine reformerischen Ansätze in der Pädagogik noch viel interessanten Stoff – aber dieser Teil der Geschichte bleibt im Schatten des nun bald 250 Jahre alten „Messe-Hits“ verborgen.

Bald wird Jakub Jan Rybas „Česká mše vánoční“/„Böhmische Weihnachtsmesse“ als Deutsch-Tschechisches Gemeinschaftsprojekt in Passau zu erleben sein. Zum 125. Geburtstag der Städtischen Musikschule Passau kooperiert diese samt Förderverein mit Chor und Orchester der Musikschule Prag Hostivař und dem Chor und Jugendchor der Gesellschaft der Musikfreunde Passau. Initiiert hat das Unterfangen Musikschulleiterin Barbara Blumenstingl, die seit 2014 alljährlich die Aufführung im Prager Veitsdom an der Querflöte mitgestalten darf. Einen ungleich schwereren Job haben allerdings Chorleiter Michael Tausch und seine Choristen – ihre tschechischen Ausspracheübungen sind in vollem Gange.

Neben Milada Jirglová (Sopran), Lucie Valenová (Mezzosopran), Václav Barth (Tenor) und Martin Vodrážka (Bass) werden bei der Aufführung am Freitag, 14. Dezember unter Leitung von Martin Trojan in der Katholischen Stadtpfarrkirche St. Paul insgesamt etwa 150 Personen mitwirken.

Karten für das um 19 uHr beginnende Konzert kosten 15,- Euro/ermäßigt 10,- Euro und sind an der Abendkasse erhältlich. Reservierungen möglich unter Tel. 0851 966850 oder musikschule@passau.de. Nähere Informationen auch online unter: www.musikschule.passau.de