Zweite Pop Up-Ausstellung von Matthias Scharinger. Flaggen-, Hymnenbilder und mehr

(von Tobias Schmidt)

Passau. Die Jubiläumsausstellung zum 20-jährigen Bestehen der Künstlervereinigung AGON PASSAU e.V. ist gerade erst zu Ende gegangen, da füllt bereits eine neue interessante Bilderschau das Gewölbe der Wohnungs- und Grundstücksgesellschaft Passau mbH (WGP) in der Höllgasse/Ecke Steiningergasse.

Der Passauer Künstler Matthias Scharinger stellt noch bis einschließlich Samstag, 1. August seine Acrylarbeiten auf Leinwand und Malpappe sowie die grafische Installation „99 Luftballons“ vor. Spannende, zwischen Figuration und Ornament changierend angelegte „Erzählbilder“ sind das. Ohne räumliche Tiefe zwar, dafür aber mit jeder Menge Simultanhandlungen, wie man sie etwa von Genregemälden, aus Wimmelbüchern oder auch dem Comic kennt. Sind das Menschen, die in den Bildern agieren? Ja und nein, denn die Köpfe dieser anthropomorphen „Wesen“ sind mit noppenartigen Aufsätzen versehen. Bronzefarbe Streifen teilen den Bildraum auf, in einigen Fällen kommen sie bunter, aber nach Art von Radladerspuren daher. Was sieht man noch? Sicheln, Sterne, Halbmonde, ein stilisierter Tempelbau. Irgendwie könnte Matthias Scharinger glatt als Flaggendesigner durchgehen. Manches davon seien auch Flaggen, sagte uns Scharinger. Und darauf habe er Textauszüge aus Hymnen von Staaten, Staatenverbänden oder Volksgruppen abgebildet. Heraus kommt aber keine nationalistische Propagandakunst, vielmehr zeigen die Bilder stets größere Zusammenhänge auf. Meist sind dies Fragen des Klimaschutzes und der Verbindung Europas zu anderen Weltteilen. Die erwähnten Streifen sollen für aus dem Ruder laufende, verschmutzte Flüsse stehen, die Radladerspuren erinnern an ein Stück gerodeten Regenwald. Die geteilten Bildräume stellen meist die nördliche und die südliche Erdhalbkugel gegenüber. Und wie sich das Geschehen auf der einen so gar nicht mit dem Beschweigen auf der anderen verträgt. Der Tempel sei eine stilisierte Akropolis, ein Sinnbild der Demokratie schlechthin, sagt Scharinger. Doch steht sie bei ihm nicht immer auf einem Berg, denn der Künstler weiß sich mit vielen Basisaktivisten verbunden, die eine Gesellschaft von unten mitgestalten.

(Foto: Schmidt)

In Tunesien während der dortigen Revolution 2010/11 etwa, wo er mit einer Aktivistin in Verbindung stand, oder auch aktuell beim Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und den südamerikanischen Mercosur-Staaten, das schlimme Umweltsünden befürchten lässt. Grassroots-Bewegungen wie Pulse of Europe oder Fridays for Future finden ebenfalls ihren Niederschlag in diesen Bildern. Doch was hat es mit den „Manschgerln“, den Menschlein auf den Bildern auf sich. Er habe nach einer wiederholbaren, plakativen Darstellung für den Menschen gesucht, berichtet Scharinger und sei irgendwann auf diese „wandelnden Hirnzellen“ verfallen. Womit wir bei der autobiographischen Komponente dieser Ausstellung wären: bereits 2011 war bei dem gelernten Altenpfleger Schizophrenie diagnostiziert worden, 2017 starb die Mutter an einem Hirntumor. Im gleichen Jahr verbrachte Scharinger einige Zeit im Tageszentrum für psychisch Kranke der Lebenshilfe Passau. Dort habe sein jahrelanger kreativer Impetus eine Richtung erhalten, dort habe er eine darstellende Form gefunden, die seine Beschäftigung mit Texten und heraldischen Bildern die Menschen weltweit verbinden UND der eigenen Erkrankung Rechnung trugen, ja dies sogar zu verbinden wussten. Matthias Scharinger spricht in der Erklärung seiner Bilder auch selbst von „Hirnzellen“, die diesen oder jenen menschlichen Charakterzug repräsentierten. Oder sich auch einfach nur wie auf dem Bild zur Hymne der seit 2002 bestehenden Afrikanischen Union zu Ornamenten wie auf einem Wandteppich zusammenfinden. Zeit- und Raumebenen kennen Scharingers Bilder zwar, sie sind aber fast nie durchgehalten, geschweige denn parallel geführt.

(Foto: Schmidt)

Man muss diese Bilder assoziativ zu lesen versuchen, sich also einem teilweise von der Krankheit bedingten Lesefluss überlassen. Wo man dann landet? Inmitten einer, Texte und Geschehnisse ganz wörtlich abbildenden „wilden Kunst“. Die einen heraldische Zeichen und ihre Ursprünge neu entdecken lässt, Brücken ins sehr politische Jetzt schlägt und dabei auch moralische Zeichen setzen will. Ohne freilich moralisierend daher zu kommen. Dazu sind die irgendwie niedlichen „Noppen-Manschgerln“ mit ihrer Erweckungsgeschichte der eigenen Kreativität einfach nicht gemacht. Oder etwa doch?

Matthias Scharingers Ausstellung ist noch bis einschließlich Samstag täglich von 13 bis 21 Uhr im WGP Ausstellungsgewölbe zu besichtigen. Eintritt frei. 

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