Bernhard Setzweins „Das gelbe Tagwerk“ – Lesung am 28. August

Wie findet ein Autor einen Stoff? Oder lässt sich von diesem finden? Wie strukturiert er diesen? Worauf schaut ein Schriftsteller beim Reisen? Und worüber spricht er eigentlich mit Berufskollegen abends beim Bier? Wer sich fürs Lesen begeistert, den treiben solche Fragen rund ums literarische Schreiben um. Der in der Oberpfalz lebende, und für seine oft an der bayerischen Ostgrenze angesiedelten Romane und Hörfunkfeatures geschätzte Autor Bernhard Setzwein wählt in „Das gelbe Tagwerk. Alltagsflusen und Sternenstaub 2010-2019“ einen zweifachen Weg.
Angefüllt mit über ein Jahrzehnt entlang seiner literarischen und feuilletonistischen Arbeiten notierten Aphorismen, Miszellen und Reiseberichten aus dem schriftstellerischen Alltag, ist das Buch Werkstattdokumentation und Arbeitsheft für den Leser in einem. Die Textabschnitte in den schlicht nach Jahreszahlen strukturierten Kapiteln sind nicht datiert, mit Zeitangaben spart Setzwein – die Genrebezeichnung ‚Tagebuch‘ trifft hier also nur bedingt zu. Für einen zwischen zwei Buchdeckel gepackten ‚Zettelkasten‘, legendäres Arbeitsmittel Literaturschaffender in vordigitaler Zeit mit Querverweisen, Ergänzungen, Stecksystem passen die Form und das fehlende Glossar nicht.

Auch wenn Setzwein einem ganz großen Wortschöpfer und Zettelkasten-Nutzer sowie dessen Heimatregion natürlich seine Referenz erweist: dem Oberfranken Jean Paul. Bliebe noch der ‚literarische Reiseführer‘. Es gibt Landschaften und Lebenswege, die der Autor nur von fern abgeht, und mit unserer Epoche in Bezug setzt. Den des vor seiner späten Wiederentdeckung von der eigenen Tragik eingeholten Ungarn Sándor Márai zum Beispiel.

Tagebuch, Zettelkasten, oder literarischer Reiseführer?
Doch Bernhard Setzwein macht sich auch selbst auf, um die nahe und fernere ostmitteleuropäische Welt zu erkunden. Zum Schloss Ronsperg etwa, heute Poběžovice, nur eine knappe halbe Stunde Autofahrt hinter Furth im Wald gelegen. Dies war die Heimstatt des Adelsgeschlechts Coudenhove-Kalergi, und Handlungsort von Setzweins 2017 im Haymon Verlag erschienenen Roman „Der böhmische Samurai“. Doch nicht der Schöpfer des Paneuropa-Gedankens steht diesmal im Mittelpunkt, es sind zum Teil filmreife Gespräche mit Restauratoren und Investoren an diesem verlassenen Ort.

Am Fluss Berounka in Mittelböhmen spürt Setzwein frühen biographischen Episoden des Schriftstellers Bohumil Hrabal nach; schildert später per Bahn zurück gelegte Lesereisen einschließlich bemerkenswerter Begegnungen. Aber auch die mit Einwohnern der Gemeinde Konnersreuth im Zusammenhang mit Setzweins Theaterstück „Resl unser“. Und wie sich jene gegen jegliches Hinzudichten und Räsonieren über die Magd, Mystikerin und Trägerin von Stigmata Therese Neumann, genannt Resl von Konnersreuth (1889-1962) verwahrten. Mit der Dokumentation eines längeren Schreibaufenthalts in Brno/Brünn endet dieses Buch. Dass man am besten nicht von vorn nach hinten liest, sondern gelegentlich einmal „irgendwo“ aufschlägt und am besten auch mit einer Notiz versieht. Wem es thematisch um die literarische Verortung bayerischer und mitteleuropäischer Grenzlandperipherien ernst ist, wer sich für zeitgenössische tschechische Literatur interessiert, wer in alledem gemeinsam mit dem Autor mal kühl-beobachtend, mal staunend (hin und wieder auch etwas altväterlich) Antworten auf die eingangs gestellten Fragen suchen mag, der baue sich aus diesem „Beinahe-literarischen-Reiseführer“ seinen eigenen „Zettelkasten“.

Bernhard Setzwein stellt seine im April in der Viechtacher edition lichtung erschienene literarische Werkstattdokumentation „Das gelbe Tagwerk. Alltagsflusen und Sternenstaub 2010-2019“ am Freitag, 28. August um 20 Uhr auf der Freilichtbühne hinter dem Scharfrichterhaus vor. Bert Wenzl begleitet ihn auf dem Saxophon. Karten für die Veranstaltung sind ab sofort beim Kulturbüro des Scharfrichterhauses unter Tel. 0851/35900 reservierbar.

Foto: Maria von Stern

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