Werkschau der Autorenfotografin Verena von Gagern-Steidle im Museum Moderner Kunst Wörlen

(von Tobias Schmidt)

Passau. Unter dem Titel „Die Antwort des Bildes“ zeigt das Museum Moderner Kunst Wörlen ab Mitte Oktober Arbeiten der Fotografin, Dozentin und Architektin Verena von Gagern-Steidle aus deren rund 50 Jahre umspannenden bildnerischen Schaffen. In Bonn geboren, kam sie Anfang der 1970er Jahre während des Architekturstudiums in den USA mit der dortigen Autorenfotografie in Kontakt. Der sie sich fortan auch selbst widmete:

Parallel zum Beginn der eigenen internationalen Ausstellungstätigkeit nahm sie auch langjährige Lehrtätigkeiten im Bereich Fotografie am Salzburg College und später an der Schule für Gestaltung in Zürich auf. In den frühen 1990er Jahren zog Verena von Gagern-Steidle mit ihrer Familie und ihrem zweiten Ehemann, dem 2004 verstorbene Architekten und Partner vieler Ausstellungs- und Buchprojekte Otto Steidle, auf einen Einödhof mit eigener Biolandwirtschaft in Kirchdorf am Inn, wo sie bis heute lebt. Viele der dort entstandenen Bilder spielen vordergründig mit familiärer oder ländlicher Idylle, doch wird deren Gegenteil, die Mensch und Landschaft unweigerlich eingeschriebene stete Veränderung mit-gesehen und mit-verbildlicht. Ein Kinderbild von Tochter Franziska – heute selbst Architektin und Fotokünstlerin – zeigt diese nackt in einer auf der Seite liegenden hölzernen Tonne. Es ist deren Inneres, diese unendliche Schwärze, die den Betrachter ins Bild hineinzieht, und Grübeln macht über das Verstreichen der Lebenszeit. Doch ist bei Verena von Gagern-Steidle nicht alles nur edel schwarz-weiß abgelichtete Vanitas. Die Serie „Brautstück“ etwa schlug in den frühen 1980er Jahren den Bogen zur durchaus humorvollen Foto-Performance. Die Fotografin reiste dafür mit ihrem alten Brautkleid und in die USA, wo sie zehn Jahre zuvor studiert hatte, zog es dort an und suchte in Selbstporträts die Auseinandersetzung mit der symbolischen Aufladung der Bildszene durch die „in die Landschaft“ hineingestellte eigene Person und „Verkleidung“. Jeder auf diesen Bildern zu sehende Selbstauslöser hat hier System: Hier verführt „die Unschuld auf dem Lande“ die zufälligen Beobachter am Wegesrand (und vorm Bilderrahmen). Sie lässt fragen, ob denn diese Szenerie den Konventionen einer Hochzeit (mit zumeist „abgelichteter“ Braut), oder jenen einer künstlerischen Inszenierung (wobei Fotografin und Model eine „aktive“ Einheit bilden) folgt.

„Barbara“, 1979 (Quelle: Verena von Gagern-Steidle)

Die „Braut“, die sich traut

Die Landschaft indes, die „Bühne“, vor welchem private Hochzeitsbilder meist ja bewusst positioniert werden, gerät zur „Tapete“, wirkt mehr und mehr klischeehaft. Für die Serie „Die Lehren der Natur“ erstellte Verena von Gagern-Steidle weltweit Polaroids von Exponaten in Natur- und Kindermuseen. Eine Dokumentation von Dokumentation also, ist doch die Wissensvermittlung stets auch ein Spiegel von Kultur und Zeitgeist. Neuangeordnet stellten diese Polaroids in Kombination mit den wissenschaftlichen Beschriftungen die in den Museen vorgefundenen Systeme in Frage. Von Gagern-Steidle schaffte so mittels eines analogen fotografischen Formats, welches wie kein anderes den Duktus amateurhafter bildlicher Weltaneignung in sich trägt, eine „Neue Welt(an)ordnung“ und mithin die Souveränität des Museumsbesuchers als „Weltbeschauers“ darzustellen. Einige der übrig gebliebenen Polaroids übermalte die Künstlerin später mit Blattgold. Was ihre Fotografie weniger zur Übermalung eines Arnulf Rainer als zur Objektkunst hin aufschloss. Ist doch das Polaroidbild neben dem Fotogramm das einzige fotografische Positiv- und Originalbild. Einen „weiteren Motivabzug erstellen“ ist hier ein Ding der Unmöglichkeit. Durch Übermalung bringt man das Bild unwiderruflich zum Verschwinden, zugleich gewinnt es als Gegenstand in (oder trotz) Serienfertigung an Wert. Eine kluge Anfrage an unsere Moderne, der ja nicht zuletzt die eigene Kopierbarkeit als Kennzeichen eingeschrieben steht.

„Vanitas“, 1984 (Quelle: Verena von Gagern-Steidle)

Antworten auf derlei Fragen liefern die Bilder selbst, das legt der Titel, der von Eva Riesinger kuratierten Ausstellung sowie des gleichnamigen, 2016 in der Salzburger Fotohof edition erschienenen Bildbands nahe. Doch „antwortet“ bei Verena von Gagern-Steidle eben nicht nur der symbolische Gehalt der jeweils abgebildeten Wirklichkeit, der fotografische Entstehungsprozess und die dem Medium eigenen Bedingungen und Grenzen sind bei ihr immer mitzudenken.

„Franziska in Tonne“, 1974 (Quelle: Verena von Gagern-Steidle)

Die Ausstellung „Die Antwort des Bildes“ ist vom 16. Oktober bis 31. Januar 2021 jeweils Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr im Museum Moderner Kunst Wörlen Passau, Bräugasse 17 in Passau zu besichtigen. Ein Künstlergespräch mit Verena von Gagern-Steidle wird am Sonntag, 8. November 2020 um 11.30 Uhr stattfinden. Um Anmeldung bis spätestens eine Woche vor der Veranstaltung unter info@mmk-passau.de oder 0851/383879-11 wird gebeten.

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