Harald Grills Balkan-Reisebericht „Hinter drei Sonnenaufgängen“

(von Tobias Schmidt)

Landschaften beim Durchstreifen durchdenken, das kann der im Landkreis Cham beheimatete Schriftsteller Harald Grill ganz wunderbar. Besonders seine Hörfunkfeatures für den Bayerischen Rundfunk geben davon immer wieder beredtes Zeugnis.

Häufig ist Grill dann in Ostbayern unterwegs, lief die Ilz von der Quelle bis zur Mündung ab, er begab sich aber auch schon in der Nachfolge des kursächsischen Dichters Johann Gottfried Seume auf einen „Spaziergang von Syrakus“ nach Regensburg.
Vor drei Jahren brach Harald Grill wieder einmal zu einer längeren Reise auf. Drei Tagesreisen mit dem Auto, drei Sonnenaufgänge die Donau hinab, erkundete er von Juli bis Oktober 2015 den Balkan.

Sein jüngst erschienener Reisebericht trägt den Titel „Hinter drei Sonnenaufgängen“ und ist eine ausnehmend gute und interessante Lektüre. Nicht nur für Menschen mit einer Affinität für Osteuropa, nicht nur für historisch Vorgebildete, nein, Harald Grill lässt einen hier teilhaben an Neugier, an spontanen Begegnungen, landschaftlichen Eindrücken, befremdlichen Diskussionen und revidierten Annahmen über Land und Leute, an geplanten Begegnungen, die auch einmal überraschende Wendungen nehmen. Kreuz und quer durch Rumänien und Bulgarien, er streift Moldawien und gelangt bis in die Ukraine. Mal mit dem Auto, mit Zügen, Bussen, Schiffen und zwischendurch auch zu Fuß unterwegs. Aber es sind merkwürdigerweise nicht die Erlebnisse in Nițchidorf im rumänischen Banat, oder im bulgarische Russe, den Geburtsorten der Literaturnobelpreisträger Herta Müller und Elias Canetti, die hier begeistern. Es sind Begegnungen am Straßenrand mit Fernfahrern, mit einem Pfarrer, der sich für die Roma einsetzt, mit Touristenführern in Nicopolis ad Istrum, einer für die Entwicklung der Gotischen Schriftsprache – und mithin also auch des Bairischen – essenziell wichtigen römischen Siedlung. Es ist das immerwährende Verhandeln darüber, welcher Sprache man sich gerade bedient, egal welche Volkszugehörigkeit einer im Pass stehen hat. Selbsterlebte postimperiale Realität. Mal in Gestalt einer ziemlich progressiven und lange erlernten Minderheitenpolitik wie in Rumänien, aber eben auch in steter Unsicherheit, wie im ukrainischen Odessa wo zwischen Bombenattentaten ausgehandelt wird, ob eine Unterrichtsstunde mit Lesung Grills nun auf Ukrainisch oder Russisch stattfinden soll.

Buch-Cover (edition lichtung)

In diesem Reisebericht ist aber auch Raum für die Freude angesichts des Erschließens gehörter oder gelesener Worte, des Sich-zu-eigen-Machens von Raum mit den Mitteln des Schriftstellers. Ein lohnender Bericht, übers beherzt aber ohne Sentimentalität unterwegs sein, übers Hinterfragen von Gewissheiten, über die alles verbindende und eine selbst geographisch rückbindende Donau, und darüber, dass sich die große Erzählung der europäischen Völkervielfalt manchmal am Wegrain ereignet.

Harald Grills Reisebericht „Hinter drei Sonnenaufgängen. Balkan-Streifzüge durch Rumänien und Bulgarien bis Odessa“ ist aktuell in der Viechtacher edition lichtung erschienen; 464 reich mit Reisefotografien bebilderte Seiten in Klappenbroschur kosten 22,- Euro. Auf das hervorragende Lektorat, das hier zwischen unzähligen Sprachen, Transkriptionsmodi und zwei Alphabeten eine saubere und sehr lehrreiche Arbeit verrichtet, ist unbedingt hinzuweisen!

Am Dienstag, 13. November, stellt der Autor das Buch im Rahmen einer vom Multiinstrumentalisten Mike Reisinger begleiteten Lesung im Passauer Scharfrichterhaus vor. Der Eintritt zu dieser vom Passauer Pegasus gemeinsam mit Bücher Pustet präsentierten Veranstaltung kostet 10,- /ermäßigt 8,- Euro.