Zur „einzigartigen Renaissance in Südost-Bayern“ hat der Heimat- und Museumsverein Waldkirchen zu einer Kulturfahrt eingeladen. Und mit einem gut gefüllten Reisebus sind 35 interessierte Waldkirchner nach Ortenburg in den Landkreis Passau gefahren, begleitet von einer starken Abordnung der Graineter Säumer, die das Angebot des Nachbar-Vereins gerne angenommen haben. Seit Jahren unterstützen die Graineter, die sogar von tschechischen Freunden aus Prachatitz begleitet wurden, den Heimat- und Museumsverein Waldkirchen, nicht zuletzt bei der Nacht der Museen, die immer am letzten Freitag im Oktober stattfindet.

Erster Vorsitzender Christian Seidel, der diese Fahrt perfekt organisiert hat, freute sich über die starke Resonanz. Nach Busfahrt und Kaffeepause führte Elmar Grimbs durch das Schloss Ortenburg.

Schloss Ortenburg
Schloss Ortenburg war von etwa 1120 bis 1805 das Residenzschloss der reichsunmittelbaren Grafen von Ortenburg. In seiner heutigen Gestalt spiegelt es den Bauzustand aus den Jahren 1562 bis 1575 wider. Bis auf einige Nebengebäude ist das Schloss bis heute vollständig erhalten. Die erste Höhenburg auf einem Hügel über dem Tal der Wolfach wurde sogar schon im Jahr 1120 von Graf Rapoto I. von Ortenburg errichtet.
Die mittelalterliche Burg wurde 1504 im Landshuter Erbfolgekrieg geplündert und nahezu völlig zerstört. Graf Joachim von Ortenburg, der 1563 die Reformation in seiner reichsunmittelbaren Grafschaft einführte, erbaute zwischen 1562 und 1575 ein neues Schloss. Der Innenausbau wurde jedoch erst durch die Grafen Friedrich Casimir und Christian vollendet.

Schönste Renaissance-Holzdecke Deutschlands
„Der sehenswerteste Teil des Schlosses befindet sich in der Schlosskapelle. Hier haben wir die schönste Renaissance-Holzdecke Deutschlands. Das kunstvolle, aus fünf verschiedenen Holzarten zusammengesetzte Schnitzwerk ist ein Dokument hervorragenden Könnens und unermüdlichen Fleißes dieses alten Kunsthandwerks“, schwärmt Grimbs. Graf Friedrich Casimir vollendete im Jahre 1628 diesen eindrucksvollen und nicht nur in Fachkreisen bekannten Saal im Südflügel. In der Mitte der Holzdecke prangt das prunkvoll gestaltete und bemalte Wappen der Ortenburger.
Seit 1. Mai 2013 ist das Schloss im Eigentum der Schloss Ortenburg Immobilien (SOI) GmbH, die wiederum dem Investor Fritz Hofbauer aus Abu Dhabi gehört. „Die Entscheidung zum Kauf ist damals innerhalb von 14 Tagen während des Volksfestes gefallen. Aktuell steht das historische Gebäude aber schon wieder zum Verkauf an“, weiß Grimbs.

Marktkirche Ortenburg
Nach einer kurzen Busfahrt vom Schloss in den Ort begrüßte Pfarrerin Sabine Hofer die Reisegruppe und führte durch die Kirche und das Gemeindezentrum. „Die Marktkirche Ortenburg, früher auch Frauenkirche genannt, ist eine ehemalige Wallfahrtskapelle und heutige evangelisch-lutherische Pfarrkirche. Sie war von der Einführung der Reformation bis zum Jahre 1805 die Begräbniskirche der Reichsgrafen von Ortenburg. Kunsthistorisch ist sie aufgrund ihrer zahlreichen Grabdenkmäler aus jener Zeit sehr bedeutend“, so Hofer.

Direkt hinter dem Altar der Ortenburger Marktkirche befindet sich der Kenotaph des Grafen Joachim aus Hallstätter Marmor aus dem Jahr 1576. Dieses bedeutende Renaissance-Kunstwerk stellt den Grafen auf der Marmorplatte in voller Rüstung betend dar und sucht in der Kunstszene seinesgleichen (Foto: Ralph Heinrich)

Die Kirche wurde im Jahre 1359 zum ersten Mal erwähnt als Wallfahrtskapelle „Zu unsrer lieben Frauen vor dem Markt“. Sie lag damals noch nicht im Markt Ortenburg selbst, sondern einige hundert Meter außerhalb. Anfang des 16. Jahrhunderts wurde die Kirche großräumig umgebaut und restauriert.

Kunsthistorisch gilt die Marktkirche als sehr bedeutend. Die einschiffige Kirche ist ein Spätgotikbau. „Besonders sehenswert ist der Chorraum, der seit der von Gräfin Amalia Regina veranlassten Umgestaltung am Anfang des 18. Jahrhunderts durch den Altar vom Kirchenschiff her verdeckt ist. Er wird dominiert durch die beiden von Graf Joachim errichteten Grabdenkmäler“, erklärte Hofer. Direkt hinter dem Altar befindet sich der Kenotaph des Grafen selbst, der von Hans Pötzlinger aus Regensburg und dem Steinmetz Christoff Stiber aus Petersdorf 1576/77 aus Hallstätter Marmor errichtet wurde. Dieses stellt den Grafen auf der Marmorplatte in voller Rüstung betend dar. Dabei ist er der Gemeinde zugewandt.

Weitere Gräber von Angehörigen der gräflichen Familien befinden sich nicht in der Kirche, sondern in der Gruft unter dem Kirchenschiff.

Nach so viel Kultur und Geschichte wurde es traditionell gesellig. Bei der Einkehr im Hammel-Wirt am Marktplatz wurde gut gespeist und selbstredend Musik aus dem Bayerischen Wald serviert. Hans Maier mit der Harmonika und Anna Falkner mit der Gitarre spielten ebenso auf wie der mitgereiste Säumer aus Prachatitz. „Wir haben wieder einmal eine gelungene Veranstaltung erlebt, viele Eindrücke mit nach Hause genommen und unser Wissen über unsere wunderbare Region erweitert“, fasst Christian Seidel vom Heimat- und Museumsverein Waldkirchen auf der Heimfahrt den Tag zusammen.

Für Stimmung und gute Laune nach der Besichtigung von Schloss und Marktkirche in Ortenburg im Rahmen der Kulturfahrt des Heimat- und Museumsvereins Waldkirchen sorgten wieder einmal Hans Maier mit der Harmonika und Anna Falkner mit der Gitarre (Foto: Ralph Heinrich)

Die dritte „Woidkiachna Wirtshaus-Roas“ am 20. Mai ist die nächste Veranstaltung. Sie ist bereits ausgebucht, Anmeldungen für die Warteliste werden entgegen genommen. Näheres zu den einzelnen Veranstaltungen finden Interessierte auf der Homepage der Stadt Waldkirchen im Veranstaltungskalender oder im ausliegenden Veranstaltungsflyer des rührigen Vereins.

(Titelbild: Die schönste Renaissance-Holzdecke Deutschlands besuchten die 35 Mitreisenden der Kulturfahrt des Heimat- und Museumsvereins Waldkirchen im Schloss Ortenburg. Das kunstvolle Schnitzwerk aus dem Jahr 1628 ist ein Dokument hervorragenden Könnens und unermüdlichen Fleißes dieses alten Kunsthandwerks – Foto: Ralph Heinrich)

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