“Wenn ich falle, drücke ich“

Passau. Als die Malteser Anfang des Jahres 1987 das erste Hausnotruf-Gerät angeschlossen haben, waren sie auf diesem Gebiet Pioniere zumindest in der Diözese Passau, wenn nicht in ganz Bayern, wie der damalige Diözesangeschäftsführer Josef Seibold aus Freyung auch nach 30 Jahren noch ganz genau weiß. Seither hat sich natürlich viel getan, nicht nur, was die Technik und den Service anbelangt. Die Malteser waren auch in den folgenden Jahrzehnten immer ganz vorne mit dabei, wenn es galt, den Hausnotruf am Puls der Zeit weiter zu entwickeln, ihn damit nutzerfreundlicher zu machen und noch mehr auf die Wünsche und Bedürfnisse der Teilnehmer einzugehen.

Josef Seibold war es, der damals erkannte: Der Hausnotruf ist zukunftsweisend und wird von immer mehr Menschen gebraucht werden. Das ist etwas, das die Malteser unbedingt in ihre Leistungspalette auf nehmen müssen. Er war es auch, der die ersten Geräte anschloss. Zuvor musste er allerdings die Diözesanvorstandschaft von seiner Idee überzeugen, wie er sich noch heute gut erinnert. „1986 haben wir erstmals eine Mitgliederwerbung durchgeführt und ich schlug vor, das Geld daraus in den Hausnotruf zu investieren. Denn der Erlös der Mitgliederwerbung war für Dinge gedacht, die wir sonst nicht hätten finanzieren können“, berichtet er. Schließlich folgten die Vorstandsmitglieder der Argumentation von Josef Seibold und der Einführung des Hausnotrufes stand nichts mehr im Wege. “Das hat sich angeboten, weil wir eine Rundum-Versorgung wollten“, sagt er. Dieser Rundum-Versorgung kommen die Malteser in den vergangenen 30 Jahren mit zahlreichen neuen Angeboten und Diensten immer näher.

Die Hausnotruf-Teilnehmerzahl freilich war in den ersten Jahren überschaubar. Ende 1987 waren es gerade einmal 15, 1993 wurde die 100-er-Grenze überschritten und zum 31.12.2006, nach 20 Jahren, nutzten 483 Personen den Hausnotruf, der auf Knopfdruck zu Hause Sicherheit rund um die Uhr gewährleistet.

In den letzten zehn Jahren nahm die Teilnehmerzahl schneller zu, die Schallmauer von 1.000 ist längst überschritten. Genau 1.349 Menschen in der Diözese Passau vertrauten zum Jahresende 2016 dem Malteser-Hausnotruf, berichtet Diensteleiterin Bärbel Sigl.

Zahlen, die eindrucksvoll belegen, wie richtig die Entscheidung von Josef Seibold vor 30 Jahren war, den neuen Dienst einzuführen. Und Zahlen, die zeigen, wie sich dieses Angebot etabliert hat. Offensichtlich aber nicht in allen Teilen der Bevölkerung., wie Bärbel Sigl zu berichten weiß: “Viele wissen immer noch nicht, dass es so etwas überhaupt gibt“, erklärt sie. Für andere werde der Hausnotruf erst interessant und aktuell, wenn der Ehepartner stirbt oder man selbst gestürzt sei und oft stundenlang hilflos in der Wohnung gelegen habe. “Es wäre schön, wenn die Betroffenen den umgekehrten Weg gehen würden“, wünscht sich Bärbel Sigl.

“Man sollte sich den Hausnotruf schon einrichten, solange man noch fit genug ist, sich daran zu gewöhnen und sich mit dem Gerät vertraut zu machen. Und nicht erst, nachdem der Notfall schon einmal eingetreten ist“, erklärt sie und erzählt von einer Teilnehmerin, die im fortgeschrittenen Stadium demenziell erkrankt ist. Bei ihr, die das Gerät schon lange vor ihrer Erkrankung genutzt hat, hätten sich die Abläufe so sehr eingeprägt, dass sie trotzdem wisse: “Wenn ich falle, drücke ich.“

Gab es früher lediglich das eigentliche Gerät und den sogenannten Funkfinger, der um den Hals oder als Armband getragen werden kann, und der nun „Sender“ heißt, so bedeutet Hausnotruf heute wesentlich mehr. “Unser wichtigstes neues Produkt ist auf jeden Fall der Rauchmelder“, betont Bärbel Sigl. Wenn das Gerät Rauch wahrnimmt, macht der Rauchmelder mit einem lauten akustischen Signal darauf aufmerksam und gleichzeitig wird die Hausnotruf-Zentrale alarmiert. Ein Sprechkontakt wird hergestellt und die Mitarbeiter dort alarmieren sofort die Feuerwehr oder leiten andere Maßnahmen ein, auch wenn niemand zu Hause ist. So konnte auch schon in Passau ein Einfamilienhaus vor dem Abbrennen gerettet werden.

Eine weitere Errungenschaft der letzten Jahre, die die Malteser ins Sortiment aufgenommen haben, ist der Mobil-Notruf für aktive Senioren, der ähnlich wie ein Handy funktioniert, wobei allerdings einfach per Kopfdruck eine Verbindung zur Notruf-Zentrale hergestellt wird. Ideal, wenn man unterwegs ist.

Im Fall eines Sturzes bietet der Falldedektor, der am Gürtel getragen wird, zusätzliche Sicherheit. Ein automatischer Notruf geht an die Hausnotrufzentrale und die Malteser leisten auch dann Hilfe, wenn kein aktiver Alarm ausgelöst werden konnte. Und seit kurzem sind die Mitarbeiter des Hintergrunddienstes mit einem Hebelifter ausgestattet, mit dessen Hilfe sie gestürzten Personen alleine aufhelfen können.

Josef Seibold mit einer der ersten Hausnotruf-Teilnehmerinnen beim Anschluss des Gerätes im Jahr 1987. Deutlich zu erkennen ist, dass damals sowohl das Gerät als auch der Funkfinger, den die Dame um den Hals trägt, ziemlich groß und unhandlich waren (Foto: Archiv Malteser)

 

Im Laufe der Zeit sind nicht nur Hausnotruf-Gerät und Handsender immer kompakter und leistungsfähiger geworden, wie Bärbel Sigl erklärt: “Der Funksender wurde viel handlicher und wesentlich robuster, man kann ihn jetzt sogar mit unter die Dusche nehmen. Und unempfindlicher, wenn er einmal runterfällt.“ Dadurch sei die Wahrscheinlichkeit eines Fehlalarms wesentlich geringer geworden. “Das ist ein großer Gewinn“, freut sich Bärbel Sigl.

Die Gebühr für ein Basisgerät werde schon ab Pflegegrad 1 von der Pflegekasse übernommen. “Ich würde mir wünschen, dass die Kassen nicht nur die Kosten dieser Variante übernehmen, bei der Angehörige und Nachbarn gefordert sind, sondern dass die Angebote mit 24 Stunden Hintergrunddienst entsprechend unterstützt werden“, sagt Bärbel Sigl. Denn oft gebe es keine sogenannten direkten Bezugspersonen, weil die einen, die dafür infrage kommen würden, zu weit weg wohnen und die anderen selbst schon in einem Alter sind, wo sie nicht mehr helfen können. Die Bezugspersonen oder der Hintergrunddienst werden von der Notruf-Zentrale alarmiert, wenn eine Hilfe durch den Rettungsdienst nicht notwendig ist.

Auch von Seiten der Sozialämter erhofft sich Bärbel Sigl mehr Unterstützung. Diese würden bei Genehmigungen oft nur auf den Preis schauen und dies ginge zu Lasten der Qualität. So hätten auch in diesem Bereich Online-Anbieter längst Fuß gefasst, die die Geräte per Post zuschicken und den Anschluss und alles weitere dem Nutzer überlassen. “Oft genehmigen die Ämter nur diese Geräte, nur weil sie geringfügig billiger sind als unsere“, erklärt Bärbel Sigl. Dabei gebe es wesentliche Qualitätsunterschiede. So wäre es bei den Maltesern schon seit Beginn eine Selbstverständlichkeit, dass ein Mitarbeiter zum Anschluss vor Ort ist und mit Rat und Tat zur Seite steht, während die Versandanbieter die Teilnehmer mit ihren Problemen oft alleine ließen und kein persönlicher Kontakt möglich sei.

(Titelbild: Sie betreuen den Hausnotruf und seine Teilnehmer in der ganzen Diözese Passau: Dienstleiterin Bärbel Sigl (vorne r. mit Sender) und ihr Team mit Hintergrunddienst-Mitarbeiter Nikolaj Bassauer (mit Hausnotruf-Gerät), der Auszubildenden Stefanie Weber (hinten v.l.), stellvertr. Hausnotruf-Leiterin Manuela Schedlbauer, Verwaltungsmitarbeiterin Susanne Anetzberger und Bundesfreiwilliger Katrin Kitzlinger – Foto: Krenn)